Martina Steber.jpg© PD Dr. Martina Steber

Do 04.06.2020 I 19 Uhr

Volksgemeinschaft, Führerkult und Terror.

Der Nationalsozialismus in Kempten.

ONLINE-Vortrag von PD Dr. Martina Steber, Stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU)
aus der Veranstaltungsreihe Bewegter Donnerstag

Der Nationalsozialismus versprach ein neues Deutschland, einen neuen Menschen und eine neue Gesellschaft, und das nicht irgendwo, sondern ganz konkret vor Ort, im Alltag jeder und jedes Einzelnen. Die Vision von der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ sollte erlebbare Wirklichkeit werden, und die Nationalsozialisten riefen jede und jeden dazu auf, tatkräftig daran mitzuwirken. Viele Menschen nahmen dieses Angebot an und fanden so ihren Platz im „Dritten Reich“. Zugleich zogen die Nationalsozialisten klare Grenzen; sie definierten nach ihren rassistischen, biologistischen und politischen Überzeugungen, wer zur nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“ gehören sollte und wer nicht. All jene, die als unwürdig klassifiziert wurden, erlitten Ausgrenzung, Gewalt und Terror, wurden verfolgt und ermordet. Am Beispiel Kemptens beleuchtet Dr. Martina Steber in ihrem Vortrag, was dies für eine Stadtgesellschaft bedeutete.

PD Dr. Martina Steber ist Stellvertretende Leiterin der Forschungsabteilung München am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin und Privatdozentin an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU). Nach ihrer Promotion an der Universität Augsburg wechselte sie 2007 an das Deutsche Historische Institut London, um 2012 nach München zurückzukehren. Sie habilitierte 2015 an der LMU und vertrat anschließend Lehrstühle für Neuere und Neueste Geschichte an den Universitäten Augsburg und Konstanz. Martina Stebers Forschungen erstrecken sich auf die deutsche und britische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Wichtige Publikationen: „Ethnische Gewissheiten. Die Ordnung des Regionalen im bayerischen Schwaben vom Kaiserreich bis zum NS-Regime“ (2010), „Die Hüter der Begriffe. Politische Sprachen des Konservativen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland, 1945–1980“ (2017), „Visions of Community in Nazi Germany. Social Engineering and Private Lives“ (hg. mit Bernhard Gotto, 2014).


Stellungnahme des Kulturamtes

Im Rahmen des Bewegten Donnerstags ist es uns gelungen, mit Frau Dr. Martina Steber, eine vielfach ausgezeichnete und exzellente Wissenschaftlerin mit makelloser Reputation zu gewinnen, die für ihre Promotion u.a. zum Nationalsozialismus in Bayerisch Schwaben geforscht hat und mit Summa Cum Laude promoviert wurde. Frau Dr. Stebers Online-Vortrag hat das Potential weitere Forschungsarbeiten und eine breitere Diskussion anzustoßen.

Die Vortragende schaffte es, die Besucher*innen, die auch aus München und anderen Städten zugeschaltet waren, zu faszinieren und kaum ein Nutzer verabschiedete sich vorzeitig vom Streaming. Bereits die Einleitung war für viele erhellend, beleuchtete sie doch die Forschungsgeschichte zum Thema und die Veränderung der Fragestellungen. Der Vortrag trug drei beispielhafte Themenfelder vor, die künftige Forschung beleuchten sollte. Eines davon: Das Bürgertum am Beispiel der vielschichtigen Gestalt Dr. Otto Merkt.

Die ungerechtfertigte Kritik, wie sie von der Allgäuer Zeitung am 6. Juni 2020 im Anschluss an den Vortrag Frau Dr. Steber geäußert wurde, ist für uns nicht nachvollziehbar. Eine reflexhafte Verteidigung des ehemaligen Bürgermeisters, der im Vortrag nur ein Thema unter vielen war, bringt die Diskussion sicher nicht weiter. Der Vortrag von Frau Dr. Steber ist ausgezeichnet recherchiert, die Fakten belegbar. Wissenschaft bedeutet aber nicht nur „Recherche“, nicht nur, Jahreszahlen zu sammeln. Es geht vielmehr darum, Zusammenhänge zu analysieren. Auch diese sind im Vortrag lückenlos hergeleitet, die Argumentationsketten schlüssig. Das Kulturamt und die Museen der Stadt Kempten sehen es als Aufgabe, die Vergangenheit unserer Stadt, auch in ihren unbequemen Facetten, wissenschaftlich aufzuarbeiten. Zu diesem Zweck holen wir externe Wissenschaftler*innen nach Kempten, darüber hinaus sind wir für eine Aufarbeitung auf lokale Kenner wie Herrn Markus Naumann angewiesen und werden auch Kooperationsprojekte, u.a. auch mit Schulen anstreben. Historische Wissenschaft hat dabei ausdrücklich nicht die Funktion, verdiente Persönlichkeiten reinzuwaschen.

Wir bekennen uns zu einer Aufarbeitung der Vergangenheit, nicht zum Schutz lokaler Heiligtümer. Welches Kempten wollen wir also sein? Wie wollen wir mit unserer Vergangenheit umgehen? Wollen wir offen in den Prozess gehen und die Vielschichtigkeit der Kemptener Geschichte aufzeigen?  Oder wollen wir reflexartig und unreflektiert die Persönlichkeiten verteidigen, die Kempten Dienste erwiesen haben? Darüber sollten wir uns gemeinsam verständigen, das sind wir allen Opfern, uns und auch unseren Kindern schuldig. 

Kempten, 9. Juni 2020

Martin Fink M.A. (Kulturamtsleiter der Stadt Kempten), Dr. Christine Müller Horn (Leiterin der Kemptener Museen)

 


Pressestimmen

 


Kommentare

  • "Kempten und die NS-Zeit", Teil 1, Kommentar von Stadtrat Lajos Fischer
  • "Kempten und die NS-Zeit", Teil 2, Kommentar von Stadtrat Lajos Fischer
  • "NS-Aufbearbeitung ist eine öffentliche Aufgabe", Kommentar von Stadtrat Andreas Kibler
  • Leserbrief zum Artikel „Historikerin fordert neuen Blick auf die NS-Zeit“ sowie „Merkt schützte jüdische Bürger“ und Kommentar „Schlampig recherchiert“ (beide erschienen in der Allgäuer Zeitung am 6. Juni 2020) - von Kulturwissenschaftlerin Regina Gropper

  •  "Aufarbeitung ist dringend nötig", Leserbrief zum Artikel „Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit“ und zum Kommentar „Schlampig recherchiert“ (beide erschienen am 6. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Drs. Daniela & Matthias Sauter

  • "Mehrere Saiten der Medaille", Leserbrief zum Artikel „Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit“ und zum Kommentar „Schlampig recherchiert“ (beide erschienen am 6. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) -  von Ute Blotenberg 

  •  "Am 'Denkmal Merkt' gekratzt", Leserbrief zum Artikel „Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit“ und zum Kommentar „Schlampig recherchiert“ (beide erschienen am 6. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung)  - von Gerhard Klein

  •  "In Zukunft öfter anbieten", Leserbrief zum Artikel "Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit" (erschienen am 6. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung)  - von Hansjörg Frick  

  • "Neuer Ansatz der Betrachtung", Leserbrief zum Artikel „Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit“ (erschienen am 06.06.2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Ewald Lorenz-Haggenmüller und Stadträtin Barbara Haggenmüller

  • "Entsetzt über Forderungen", Leserbrief zum Artikel "Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit" (erschienen am 6. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Kurt Wirth

  • "Schadet nicht: Blick zu Nachbarn", Leserbrief zum Leserbrief "Merkt konnte vieles bewegen" zur Debatte um die Bewertung des ehemaligen Kemptener OB, der während der NS-Zeit wirkte. (erschienen am 12. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Manfred Heerdegen

  • "Merkt konnte vieles bewegen", Leserbrief zum Artikel "Historikerin fordert neuen Blick auf NS-Zeit" und zum Kommentar "Schlampig recherchiert" (beide erschienen am 6. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Hans Bauer

  • "Die Kirche im Dorf lassen", Leserbrief zur Debatte um die NS-Vergangenheit in Kempten und die Rolle des damaligen Kemptener Oberbürgermeisters Dr. Otto Merkt. (erschienen am 20. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Georg Steinhauser

  • "Worauf warten wir eigentlich?", Leserbrief zur Diskussion um den Umgang und die Aufbereitung der NS-Zeit in Kempten. (erschienen am 26. Juni 2020 in der Allgäuer Zeitung) - von Prof. Ricardo Felberbaum

Wie geht es weiter?

Die Verwaltung wurde in der Stadtratssitzung vom 30.7. 2020 mit der Erarbeitung eines Projektes zur Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Kempten beauftragt, das wissenschaftliche Forschung und partizipative Formate verbindet und in der Mitte der Kemptener Gesellschaft angelegt sein soll. Weiterhin soll das Thema „Erinnerungskultur“ für Kempten untersucht werden. Weitere Infos zu den Ergebnissen dieser Stadtratssitzung finden Sie auf der städtischen Homepage.

 

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