Zeitzeug:innen-Aufruf: Litauische Geflüchtete im Kempten der Nachkriegszeit

Das Kempten-Museum im Zumsteinhaus plant für Januar 2023 im Bürgerinnen- und Bürgerraum eine Ausstellung mit Bildern des litauischen Fotografen Kazys Daugėla (1912–1999). Von 1945 bis 1949 lebte er zusammen mit seiner Familie als Geflüchteter in Kempten und dokumentierte mit seiner Kamera den Nachkriegsalltag im Lager. Seine Aufnahmen vermitteln einen Einblick in eine Epoche, die in markantem Kontrast steht zu unserer Gegenwart in Wohlstand und Sicherheit. Sie gewinnen an aktueller Bedeutung durch den russischen Überfall auf die Ukraine, der aufs Neue Millionen von Menschen zur Flucht vor Krieg und Diktatur veranlasst.

Schwarz-Weiß-Bild: ein Mädchen und ein Junge (ca. sieben und fünf Jahre alt) löffeln Suppe.„Morning gruel“ – Kinder beim morgendlichen Mehlbrei im Kemptener Lager, Foto: Kazys Daugėla


Unbekannt ist bislang, ob sich in Kempten einzelne baltische Geflüchtete dauerhaft niederließen. Im Zusammenhang mit der Ausstellung sucht der Kurator, Dr. Wolfgang Petz, nach Zeitzeug:innen, insbesondere ehemalige „Displaced Persons“ (DPs) litauischer, lettischer oder estnischer Nationalität, die im Kemptener Lager lebten, oder ihren Nachkommen.

Kontaktdaten

Menschen, die sich vorstellen können, von ihren Erinnerungen zu berichten, oder noch Zeitzeug:innen kennen, wenden sich bitte an:


Hintergrundinformationen zu litauischen Emigrant:innen in Kempten

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs hatte Kempten ungefähr 28.000 Einwohner:innen. Im August 1945 lebten außerdem in der Stadt über 9.000 Ausländer*innen, die von der amerikanischen Militärregierung als „Displaced Persons“ (DPs) anerkannt waren.

„Guard-house in Kempten DP camp“ zeigt Wachposten vor dem Lager für Displaced Persons in der Kemptener Residenz. Foto: Kazys Daugėla

Unter ihnen befanden sich viele Menschen aus Weißrussland, der Ukraine und Polen, die als Zwangsarbeiter*innen oder als Häftlinge in Außenkommandos des Konzentrationslagers Dachau ins Allgäu gekommen waren. Eine weitere große Gruppe bildeten die etwa 2.500 Angehörigen der von Stalin annektierten baltischen Staaten, sich auf der Flucht vor den sowjetischen Truppen auf den Weg nach Westen begeben hatten.

Ein kleiner Teil der DPs lebte in Privatwohnungen. Die meisten wurden jedoch in Lagern untergebracht, getrennt nach ihrer Herkunft. Diese Camps, die vor allem in ehemaligen Schulen oder Kasernen eingerichtet waren, unterstanden der Militärregierung. Die Stadtverwaltung musste ihnen Lebensmittel, Brennstoff, Einrichtungsgegenstände usw. liefern.

Ab Sommer 1946 waren die Litauer:innen u.a. in der ehemaligen Schlosskaserne im Ostflügel der Residenz untergebracht. In vielen Lagern entwickelte sich trotz der schwierigen äußeren Bedingungen ein bemerkenswertes kulturelles Leben. Die Litauer:innen organisierten Gottesdienste, Schulunterricht, Erwachsenenbildung, Theateraufführungen, Folkloreveranstaltungen, Sportwettkämpfe usw. Es gab auch eigene Lagerzeitungen.

Im März 1947 lebten immer noch 1.300 litauische Emigrant:innen in Kempten. Allerdings verließen die meisten der im Kemptener Lager lebenden Litauer in den folgenden Jahren Europa und emigrierten in die USA, so auch der Fotograf Kazys Daugėla.